MENU

Zum letzten Raku-Brand dieses Jahres sind Flora und ich zu Walter Bernhardt in Prendt / Windhaag eingeladen. Eine Stufenschale, mit unterschiedlicher Wandstärke, befindet sich im Blechtonnen-Brennofen. Es braucht 1000°C Kesseltemperatur, bevor wir die kurze, extrem konzentrierte und heikle Phase des Brandes, in der das Werkstück ihren unverwechselbaren, Charakter bekommt, miterleben werden.

Während wir den Anstieg der Temperatur, um die 800°C hat der Kessel bereits erreicht, erzählt Walter Bernhardt, dass er in den 1970er Jahren, in Wien, zu töpfern begonnen hat. Das Raku-Brennen habe er bei einem Freund, der bei Traismauer lebte, kennengelernt. Zu dieser Zeit war es österreichweite Pionierarbeit, die sie in Sachen Raku-Technik leisteten. Die Methode war selbst unter Keramikerinnen und Keramikern nicht verbreitet; weder gab es Literatur, noch wurden Kurse angeboten. Es war ein offenes Rätsel, welche Ton- und Glasurmischverhältnisse es braucht, damit die Werkstücke das charakteristische Erscheinungsbild der Raku-Ware erhalten.

Für Walter Bernhardt war der Entschluss, mit und von Keramik zu leben, wesentlicher Mitgrund zu Beginn der 1980er Jahre aufs Land, ins Mühlviertel, zu ziehen. Eine Töpferwerkstätte und insbesondere der Raku-Brand braucht der starken Rauchentwicklung wegen Platz um im Freien arbeiten zu können. Er hat zwar seither parallel immer auch mit Steinzeug gearbeitet, aber seine Meisterschaft im Raku-Brand, die in seinen Werken und kleinen Produktserien zu sehen ist, war seine große Leidenschaft und seine USP, würde man heute sagen.

Walter Bernhardt erzählt uns, dass er mehrere Jahre, er lebte dann bereits im Mühlviertel, experimentierte um ein Krakelee (Geflecht feiner Risse in der Glasur) zu erhalten. Die Glasuren auf Basis von Pottasche, die er anfänglich verwendete, funktionierten dafür nicht. Das extrem rasche Abkühlen führte zudem dazu, dass viele Werkstücke aufgrund zu hoher Spannung zerrissen. Aber irgendwann ist ihm dann das erste Werkstück mit dem angestrebtem Erscheinungsbild geglückt, er packte es ins Auto und fuhr damit sofort zu seinem Freund nach Niederösterreich.

Die Temperaturanzeige ist inzwischen bei rund 900°C. Walter Bernhardt erzählt, dass er Alkaliglasuren verwendet. Den Ton fürs Raku-Brennen mischt er sich auf Basis des relativ gut temperaturbeständigen Wienerberger-Ton ebenfalls selbst. Die Beigaben lassen den Ton robuster werden und das immens rasche Abkühlen beim Abschluss des Brennprozesses besser aushalten. Aber auch das Erhitzten des Gefäßes darf nicht zu eilig sein. Wenn die Temperatur zu schnell in die Höhe getrieben wird, hat die Glasur keine Zeit um reif zu werden.

Die Anfänge der Raku-Technik sind in Japan, im 17. Jahrhundert zu finden. Der Kontext dazu ist der Zen-Buddhismus und die dort wesentlichen Teezeremonien samt der dazugehörige Keramik. Das Raku-Brennen von Teeschalen für die Zeremonien war immer auch eine gesellschaftliche, meditative Zusammenkunft. Es ist überliefert, dass die Methode durch einen Zen- und Teezeremonienmeisters, der eine ganz schlichte Teeschale haben wollte, entstand. Wahrscheinlicher aber ist, dass durch Zufall bei einer Zieh-Probe aus einem großen Ton-Brennofen, ein Stück versehentlich rasch abgekühlte und so eine neue, interessante Oberfläche entstand. Heute, so Walter Bernhard, verstehen Europäer unter Raku etwas ganz anderes als Japaner. Sie verwenden zum Beispiel keine Sägespänne und auch das Krakeele ist für sie kein derart relevantes Gestaltungselement. Dennoch war und ist die der japanischen Keramik eigne Schlichtheit in Form und Gestalt, wesentliche Inspirationsquelle für ihn.

1000°C. Es ist so weit. Mit einer langen Zange hebt Walter Bernhardt das glühende Werkstück aus der Brennofentonne und stellt es vorsichtig in ein Bett aus Sägespänne. Rund um die Schale lodern Flammen auf. Jetzt sind vor allem Erfahrung und Geschick gefragt. In dem, was für uns wie “ein bisschen locker-flockig herum scharren” wirkt, steckt jahrzehntelange Erfahrung und Einübung. Wenn das Gefäß heraus kommt, kühlt es sehr schnell ab, zu schnell aber darf es auch nicht sein, sonst hält der Ton der Spannung nicht stand und zerspringt. Mit präzisen Bewegungen und feuerfesten Handschuhen manövriert er die Sägespänne dicht an die Unterseite der Schale heran um den Sauerstoffentzug und damit die Oberflächenfarbe zu beeinflusst. Diese ist mit roter Engobe eingestrichen worden und Ziel ist es, dass diese sichtbar bleiben und eben nicht in dunklem Schwarz verloren geht.

Die Glasur der inneren Schalenwölbung ist relativ dick und weiß. Da hören wir es ganz fein Knacken. Beinahe ist es ein hohes, helles Klingen. Es ist das Zerspringen der Glasur, das hier hörbar wird. Jetzt müssen sofort Sägespäne in die Schale gestreut werden. Die verbrennenden Späne brennen sich in die Glasurrisse ein, wodurch die Risse geschwärzt werden. Der entstehende schwarze Rauch (Kohlenstoff), dringt durch Haarrisse in die Glasur ein und lagert sich im Ton ab. Walter Bernhard weiß genau, in welchem Moment es dann notwendig ist, das Werkstück rasch abkühlen, damit das schwarze Risse-Netz nicht wieder verbrennt. Diese Widersprüche sind charakteristisch für die Raku-Technik: Heiß und kalt, etwas erhalten wollen, etwas anderes vermeiden. Aber all diese Aspekte wirken zusammen und die soeben entstandene Stufenschale wirkt auf mich, als wäre sie bereits so alt, gehaltvoll und universell wie das Universum selbst.

Wer sich für die Werke von Walter Bernhardt interessiert, wird sich bis zu den Tagen des offenen Atelier im Herbst 2017 gedulden müssen. Erst dort wird er wieder eine große Auswahl seiner so ansprechenden Waren und Werke anbieten. Wer nicht so lange warten will, kann vielleicht auch schon vorher einen Termin mit ihm vereinbaren.

Text: Andrea Fröhlich

walter-bernhard-raku-1

walter-bernhard-raku-1a

walter-bernhard-raku-1b

walter-bernhard-raku-2

walter-bernhard-raku-5

walter-bernhard-raku-6

walter-bernhard-raku-12

walter-bernhard-raku-14

walter-bernhard-raku-16

walter-bernhard-raku-24

walter-bernhard-raku-28

CLOSE