MENU

Zuerst fahren Flora und ich gleich zweimal an der Zufahrt zu unserem heutigen Besuch vorbei. Breite, asphaltierte Zufahrtswege sind derart zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass wir erst gar nicht davon ausgehen, dass der Schotterweg zwischen Wiesen und Stauden zu jemandem führen könnte. Dann haben wir doch realisiert, wie wir zu Karin Theresa Öhlinger kommen und werden von ihr und ihrer Hündin Aksa bereits erwartet und in die warme, gemütliche Stube gebeten.

Bei Karin haben wir uns eingeladen, weil sie eine der ältesten Handwerkstechniken der Menschheitsgeschichte praktiziert und davon lebt: Korbwickeln. Als Sammel- und Aufbewahrungsbehälter wurden bereits in der Steinzeit, also vor vielen tausenden von Jahren, Behältnisse aus Gras angefertigt. Diese frühen menschlichen Produkte sind in unterschiedlichsten Gegenden der Welt gefunden worden.

Bis sie hier am Waldrand ihren Platz und mit Korbwickeln ihre aktuelle Lieblingstätigkeit fand, hat die gelernte Koch/Kellnerin aus der Reichenthaler Gegend beruflich bereits viel unterschiedliches gemacht: Lange arbeitete sie als Sozialarbeiterin, dann war sie als Rangerin im Naturpark Hochmoor, Schrems, für das Schutzgebiet Natura 2000 und für das Freie Radio Freistadt als Sendungsmacherin tätig. Während dessen hat sie verschiedene andere Ausbildungslehrgänge am Ländlichen Fortbildunginstitut in Linz, die alle mit der Natur zu tun haben absolviert. Sie ist Jagdpädagogin und Natur- und Landschaftsvermittlerin. Aktuell arbeitet sie auch für das Green Belt Center, Windhaag, in dessen Programm sie geführte Wanderungen anbietet. Ihr primäre Arbeit und Einkommensquelle ist seit rund zwei Jahren allerdings tatsächlich das Wickeln von Graskörben.

Ihren allerersten Workshop hat sie vor rund sechs Jahren beim Mittelerdefest in Karlstift mitgemacht. Damals wurde von einem Indianerstamm im Südwesten der heutigen USA berichtet, die ihre Graskörber so versiegelten, dass sie damit bis zu einer halben Stunde Wasser tragen konnten. Wasser in Grasgefäßen – damit begann ihre Faszination für diese alte Handwerkstechnik. Tatsächlich gelernt hat sie das Korbwickeln dann von Walter Friedl, der es wiederum von seinem Großvater vermittelt bekommen hat. Von ihm hat sie einige spezielle Erfahrungsberichte und Tipps, sozusagen für Fortgeschrittene, bekommen: Wie schafft man eine eckige Form, wie eine ovale und wie formt man Henkel und Griffe? Im Laufe der Jahre hat Karin ihr Können durch Ausprobieren ausgefeilt und perfektioniert. Jetzt ist sie mit ihrer ästhetisch ansprechenden und zugleich nutzbaren Ware auf zahlreichen Handwerksmärkten, saisonallen Märkten und Mittelalter-Märkten in ganz Österreich anzutreffen.

Das meiste Material sammelt sie selbst in der Gegend. Stundenlang ist sie dafür auf Wald und Flur, auf Feuchtwiesen und Böschungen unterwegs. Je nachdem, was sie von dem, das es gerade gibt, verarbeiten will, sucht sie ihre Gräser zusammen. In großen Buschen wird es in der Garage im Dunklen zum Trocknen aufgehängt, bis es dann verarbeitet wird.

Alle längeren, einheimischen Gräser, die nicht giftig sind, werden von Karin verwendet. Sogar Lärchentriebe sind im Frühjahr geeignet. Sie arbeitet mit Scharfgarbe und Johanniskraut, Mädesüß und Goldrute und unterschiedlichen Farnen. Alles, was lang und dünn und halbwegs biegsam ist, kann zu einem Korb gewickelt werden. Auch Brenneseln wären geeignet und davon gäbe es ausreichend, aber damit macht das Wickeln einfach kein Vergnügen. Unterschiedliche Binsen bilden das von ihr am meisten verarbeitete Grundmaterial. Feuchtwiesen gibt es bei unserem landwirtschaftlichen Ehrgeiz immer weniger, was zur Folge hat, dass manche der geeigneten Gräser geschützt sind. Karin steht deswegen mit der Naturschutzabteilung der Landesregierung in Kontakt. Sie kooperiert mit dem zuständigen Botaniker, der, wie sie grinsend mitteilt, Herr Strauch heißt, um Informationen bezüglich dem Vorkommen von Arten weiterzugeben, und gleichzeitig abgesichert zu sein, dass sie das Material auch nachhaltig verwendet.

Zum einen braucht man für das Körbewickeln also Gras, das nicht leicht bricht. Zum anderen bedarf es einiges an Übung und Geschick, damit der Korb auch wirklich kompakt und verwendbar wird. Wir gehen in den Wintergarten, dort liegen Gräser, Fäden und Nadel bereit. Karin zeigt uns, wie sie die Arbeit an einem Korb beginnt. Ihre Hündin Aska lässt sie nicht aus dem Blick, folgt ihr auf Schritt und Tritt. Der Anfang ist besonders gefinkelt: Man muss einen Knopf in das Gras machen. Schon beim Zuschauen sieht man, wie eingeübt ihre Handgriffe sind, wie formschön das Gras sich in ihren Händen zu einer ersten kleinen Schnecke biegt und Runde um Runde der Korb an Größe zunimmt. Mit einem starken Garn und mit Sack- oder Webnadel werden die Büschel miteinander „vernäht“. Die Struktur der Fäden bildet ein präzises Muster und charakterisiert damit die Graskörbe. Sie verwendet Schnüre, auch unterschiedlich eingefärbte, aus Naturfasern. In Situationen, in denen es um die tatsächlich historische Authentizität des Handwerks geht, zum Beispiel auf Mittelalter-Märkten, verwendet Karin spezielle Holznadeln und arbeitet im historischen Gewand. Dann macht sie auch die Zwirne und Schnüre aus Hanf, mit denen die Körbe gewickelt werden, selbst.

Die konkreten Märkte, auf denen Karin Theresa Öhlinger anzutreffen ist, bzw. die Workshop-Termine, bei denen man sich selbst seinen ersten Korb wickeln kann sind auf ihrer Homepage (www.naturspirit.at) zu finden. Und ab Jänner gibt es ihre Kunsthandwerke auch im MÜK Haus, Freistadt zu erwerben.

Am Platz den Karin bewohnt erkennt man schnell, worum es ihr im Leben geht: Reduktion auf das Wesentliche, selbstbestimmt und unabhängig sein, ein Platz für sich selbst abseits von Konsum und Kommerz, klein und fein. So könnte man es vielleicht zusammenfassen. Ihr Lebensraum wirkt auf mich so, als würde Karin das leben, was Bücher wie „Wieviel ist genug?“ und „Wofür es sich zu leben lohnt?“ theoretisch verhandeln. Seit acht Jahren lebt sie in diesem alleinstehenden Haus zwischen Königswiesen und Mönchsdorf in dem wir bei ihr zu Gast sind. Wegen den vielen Wäldern und der aufgrund der schroffen Hügel eingeschränkten Landwirtschaft hat sie einen Platz in der Region der Mühlviertler Alm gesucht. „Der Wald war schon immer meins“ sagt sie und es scheint für sie nichts Besseres zu geben als ihr „Häusl, in dem sie tun und lassen kann, was sie grad will“. Ihr intensiver Bezug zur Natur, zu ursprünglicheren Kulturen äußert sich nicht nur im Wickeln von Graskörben. Sie sagt auch von sich: „Ich bin ja die komplette Indianer Frau“, praktiziert traditionell europäischen Schwertkampf und liebt die Welt von Mittelerde. Beim bereits erwähnten Mittelerdefest in Karlstift ist sie immer als Elb mit dabei, bietet Korbwickel-Workshops an und leitet auch eine viertägige Wanderung. Das Leben dieser fiktiven germanisch-keltischen Völker, ihre Handwerkskünste, ihre Gewänder und Rituale, und die damit verbunden Nähe zur Natur, sind „genau ihres“.

Stundenlang kann sie Graskörbe-wickelnd meditativ dahin arbeiten, erzählt Karin, und wir können es uns lebhaft vorstellen: Der Duft der trockenen Gräser, das schräg in den Wintergarten einfallende Licht, ihre Hände am kontinuierlichen Werken und ihre Hündin zu ihren Füssen. Wer hätte gedacht, wie fein es sich am Ende eines Schotterweges, umgeben von Nadelbäumen und feuchten Wiesen mit Binsen, leben lässt.

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-1

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-1a

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-1b

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-2

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-3a

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-3b

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-7

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-8

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-9

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-11

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-13

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-14

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-15

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-16

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-16a

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-18

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-20

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-21

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-23

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-24

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-25

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-26

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-27

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-28

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-29

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-31

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-32

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-34

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-35

karin-theresa-oehlinger-c-florafellner-37

Fotos: Flora Kainmüller (Flora Fellner Fotografie)
Text: Andrea Fröhlich
www.dasgutefreistadt.at

CLOSE